Von der Flachzange zum Meisterbrief – ein Lehrmärchen in drei Akten
Akt 1 – Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre
Am 1. März 1975 begann für mich der Ernst des Lebens. Also jedenfalls für meine Eltern – für mich war es eher der Verlust der Hoffnung. Eigentlich wollte ich ja Elektriker werden. Aber Mathe und ich – wir hatten so ein „Wir-sehn-uns-mal-im-nächsten-Leben“-Verhältnis. Außerdem gab’s damals weniger bis gar keine Lehrstellen als heute. Also sagten meine Eltern den unvergesslichen Satz:
“Du lernst was hier in der Nähe – basta.”
Tja, so wurde aus dem zukünftigen Elektro-Genie der frischgebackene Klempnerlehrling. Ich war begeistert. Also… nicht.
Mein Lehrmeister hieß Hans-Jürgen Scheffler. Seine Firma war, wie soll ich sagen, keine Hightech-Schmiede, sondern eher eine „Wald-und-Wiesen-Bude“. Meister, fünf Gesellen – und ich: der Stift. Mein direkter Ausbilder: Herr Schwitay. Für mich damals das personifizierte Arschloch.
Baustelle: Berliner Altbau, vier Stockwerke plus Dach. Schwitay steckte die Hände in die Taschen und sagte lässig:
“Ich geh schon mal hoch und guck’ mal… Bring mal alles hoch.”
Alles? ALLES. Also Regenrinnen, Bleche, Werkzeug – und wenn er gekonnt hätte, wahrscheinlich noch die Kaffeemaschine. Er? Stand oben, Zigarette im Mundwinkel, und kommentierte fachmännisch meinen roten Kopf:
“Dauert ja ganz schön lange…”
Der Meister war auch ein Sonnenschein. Beliebte Sprüche:
„Aus dir wird nie was.“
oder – mein Favorit – „Na, du Knalltüte.“
Einmal wurde aus einem Blechkunstwerk von mir ein modernes Origami. Der Meister haute mir eine runter. Zuhause erzählte ich das meinen Eltern. Die Reaktion? Noch eine. Service pur.
Aber siehe da – nach einer Weile fing ich an, den Job gar nicht mehr so schlecht zu finden. Schon als Lehrling durfte ich „rechts-links“ arbeiten, also heimlich am Schrott mitverdienen und bei Oma Erna mal was reparieren…Und das war damals fast so etwas wie eine Weihnachtsgratifikation – nur ohne Weihnachten.
Akt 2 – Geselle mit Millionärs-Ambition
Mit 18 hatte ich ausgelernt und fest davon überzeugt: Jetzt rollt der Rubel! Was ich nicht bedacht hatte: Nach der Lehre fängt das Lernen erst richtig an – nur halt ohne jemand, der dir am Ende sagt „passt“ oder „das ist jetzt nicht dein Ernst?“. Stattdessen: Verantwortung. Leistung. Pünktlichkeit.
Kurz: alles, was mir anfangs eher so mittel lag.
Ich hopste von Firma zu Firma, meist froh, dort wieder weg zu sein – und die Meister noch froher. Irgendwann landete ich bei der Firma Herrnal Aluminium Klempnerei. Dort traf ich Hans Jungnickel – einen echten Klempner der alten Schule. Der brachte mir das Handwerk richtig bei. Mit ihm machte ich Dachrinnenkonstruktionen, Kupferhauben, Turmspitzen – Arbeiten, bei denen ich plötzlich dachte: „Verdammt… das macht ja Spaß!“
Akt 3 – Die Rache des Klempnerlehrlings
1984 konnte ich alles, was man als Klempner so draufhaben muss – und noch mehr. Also beschloss ich: Meisterschule!
1986 war es soweit. Ich, die„Knalltüte“, durfte meinen Meisterbrief in Empfang nehmen. Zur Feier lud ich meinen alten Lehrmeister ein – den, der immer sagte: „Aus dir wird nie was.“
Da stand er nun, klopfte mir auf die Schulter und rief stolz in die Runde:
“Das ist mein Lehrling!”
Meine Eltern, die früher meinten „Schaffst du nicht“, strahlten wie zwei Solarlampen in der Mittagssonne.
In der Meisterschule lernte ich außerdem meinen besten Freund Werner kennen – der einzige Mensch auf Erden, der mir ehrlich seine Meinung sagt, ohne dabei in Lebensgefahr zu geraten.
Fazit:
Aus dem Jungen, der nie Klempner werden wollte, wurde am Ende ein Meister seines Fachs – mit ein bisschen Stolz, einer Menge Geschichten und der Erkenntnis:
Lehrjahre sind keine Herrenjahre – aber sie machen die besten Anekdoten.
